Ich beobachte ihn, versuche, Worte zu finden, um ihn zu beschreiben. Mir fallen Begriffe wie groß, muskulös, schwarzhaarig und beschützend ein, aber keines davon scheint zu passen, auch, wenn sie wahr sind. Verzweifelt probiere ich, das richtige Wort zu finden, doch als es dann in meinen Gedanken auftaucht, zieht sich mein Magen zusammen. Sam. Ich versuche, das Wort beiseite zu schieben, mir einzureden, dass das nicht sein kann, doch letztendlich hämmert es sich in meine Gedanken. Sam. Sam. Sam. Immer wieder. Also schaue ich weg, bete, dass ich diesen Namen einfach loswerde, wenn ich ihn nicht weiter
Sam Roth ist einer der Protagonisten aus Nach dem Sommer von Maggie Stiefvater und allein der Name drückt für mich pure Liebe, Hoffnung, Angst und Sicherheit aus. Wenn niemand da ist - was ich niemals jemandem krumm nehmen würde, es ist nicht mein Recht, zu verlangen, dass irgendjemand rund um die Uhr für mich da ist - schließe ich die Augen und denke an Sam. Bisher ging es mir dadurch eigentlich immer besser. Vielleicht nicht viel besser, aber ein bisschen, er war wie ein nicht existierender Trost. Es ist albern, sich so sehr an etwas zu klammern, das nicht existiert, aber es ist mir egal, denn wenn immer ich ihn brauche, ist er da. Das ist wohl einer der wenigen Vorteile daran.Sam. Ich versuche, mir klar zu machen, dass dieser Junge, der dort ein paar Meter von mir entfernt steht, nahezu nichts mit Sam gemeinsam hat, außer vielleicht die Tatsache, dass er schwarzhaarig ist und die beiden gleich alt sind - das rede ich mir ein, bis mir etwas auffällt. Er beobachtet mich oder zumindest bilde ich mir das ein, ich weiß es nicht. Sollte er es aber doch tun, dann gäbe es eine weitere Gemeinsamkeit: Das stille Beobachten, so unauffällig und auffällig zugleich.
Ich kann nicht umhin, als ihn weiter zu beobachten um weitere Unterschiede zu finden. Doch etwas sticht heraus: Die Art, wie er sich bewegt, besonders seinen Kopf. So hektisch und ruckartig und gleichzeitig doch so ruhig und gelassen wie ein Wolf, diese widersprüchliche Mischung, die irgendetwas faszinierendes hat, zumindest in meinen Augen. Sam.
Sam Roth sieht man nicht immer, nur manchmal, zu bestimmten Zeiten, er taucht phasenweise auf.
Der Junge tut das auch. Manchmal verschwindet er für einige Zeit, ist spurlos verschwunden, nur, um dann wieder aufzutauchen und ständig überall präsent zu sein.
Immer wieder gehen mir diese Dinge durch den Kopf, die Tatsache, dass ich auf einen "echten Sam" getroffen habe, obwohl beide nicht unbedingt viel gemeinsam haben. Und jedes Mal, wenn ich nun die Augen schließe und an Sam denke, um mich selbst etwas zu trösten, drängt sich das Gesicht des Jungen dazwischen und irgendwie bin ich froh darüber. Endlich habe ich ein richtiges, sich nicht ständig veränderndes Gesicht vor meinen Augen, wenn Sam meine Gedanken kreuzt. Sam.


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